„Cultural Fit“ – das freundlich verpackte Codewort für Altersdiskriminierung

Ich bin 57, Designer, und oft älter als das gesamte Pitch-Team gegenüber. Die Kreativbranche sortiert Erfahrung aus – mit dem Satz: „Wir haben uns für jemanden entschieden, der besser ins Teamgefüge passt."

Ich bin 57. Designer. Und oft älter als das ganze Pitch-Team gegenüber.

Lustig eigentlich: Vor zig Jahren habe ich mit Freunden mal überlegt, eine Agentur namens „Senior Service“ zu gründen. Da waren wir alle um die 35 – und haben uns schon alt gefühlt. Heute denke ich: Wie krass war das bitte.

„Wir suchen jemanden, der ins Team passt.“ Heißt in der Praxis oft: Bitte nur jung, hip und maximal 35. Willkommen in der Kreativbranche, wo „Cultural Fit“ das freundlich verpackte Codewort für Altersdiskriminierung ist.

Nicht cool genug? Nicht agil genug? Nicht Gen Z-kompatibel? Klingt wie ein Argument.

Ich hab Bock. Bock, 25-Jährigen Kreativität und Design näherzubringen, zu unterrichten, mit ihnen zu arbeiten. Bock, von den selben 25-Jährigen meine (zuweilen steilen) Thesen auseinandernehmen zu lassen – um ihre, mir neuen, Perspektiven zu kriegen. Bock, neue Technologien zu lernen und meine Nase in unbekannte Welten zu stecken. Spinner genug dafür war ich schon immer. Und bin es noch.

Aber ich kenne auch die andere Seite:
In den frühen Jahren meiner Berliner Agentur haben wir mal einen Typen eingestellt – in meinem heutigen Alter. Ich war da 27. Ganz großer Werber angeblich. „Katzen würden Whiskas kaufen“ soll von ihm sein, hat mir jemand erzählt.

Was wir wollten: Kontakte, Expertise, Erfahrung.

Erfahrung bekamen wir: Die Erfahrung, dass selbst offensichtlich gute Leute im Denken stehen bleiben können. Kein Bock auf neue Methoden, keine Offenheit für neue Technologien oder Trends. Hat nicht lange gehalten – und war für ihn wie für uns frustrierend.

Bedenken? Kann ich gut verstehen.

Ich kenne 50-Jährige, die mehr Ideen pro Woche liefern als ein ganzes Digital Native-Team im Monat. 60-Jährige, die KI-Workflows bauen, während andere noch ihre Action-Figur auf Linkedin posten. Und 25-Jährige, die hochambitioniert, professionell und exzellente Köpfe sind. Klüger und besser, als ich es in dem Alter war.

Aber was machen viele? Sie setzen auf jung, weil’s sich leichter ins Teamfoto fügt. Und sortieren Erfahrung aus – mit dem Satz: „Wir haben uns für jemanden entschieden, der besser ins Teamgefüge passt.“ All right.

Kreativität ist kein Alter. Es ist eine Haltung.
Schnell sein ist gut. Erfahrung auch. Wer beides kombiniert, gewinnt.

n der Kreativbranche hält sich ein hartnäckiges Vorurteil: Innovation sei das exklusive Territorium der Jugend. Wer jung ist, gilt als hungrig, unvoreingenommen und „digital native“. Wer hingegen seit 30 Jahren im Geschäft ist, wird oft mit dem Stempel „betriebsblind“ oder „festgefahren“ versehen.

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Ich bin 57, Designer, und oft älter als das gesamte Pitch-Team gegenüber. Die Kreativbranche sortiert Erfahrung aus – mit dem Satz: „Wir haben uns für jemanden entschieden, der besser ins Teamgefüge passt.“

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Mit 50+ Jahren im kreativen Beruf hat man vieles gelernt. Aber das Wichtigste kommt oft zuletzt: das Recht, Nein zu sagen. Nicht aus Arroganz – sondern weil Erfahrung auch bedeutet, Muster zu erkennen. Und zu wissen, wann es Zeit ist, die Reißleine zu ziehen.

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